Mittwoch, Dezember 01, 2021
Zitate

Zitat der Woche (KW 7/2021)

Nach einem Jahr mit Corona, Einschränkungen, Zukunftsangst, Erkrankungen, Genesungen, Todesangst und Tod finde ich diesen Spruch sehr passend.

Ich habe Nachbarn, beide über 90 Jahre alt, die seit ein paar Jahren davon reden, dass die Wehwehchen mittlerweile überwiegen. Die Freunde sind fast alle tot und mittlerweile sind sie körperlich auch nicht mehr so fit, um mit den verbliebenen am Wochenende irgendwo hinzufahren, etwas zu entdecken und lecker zu essen. Vor Corona taten sie es noch, obwohl es ihnen sichtlich schwerfiel. Mit Corona ist diese Freizeitbeschäftigung gezwungenermaßen eingeschlafen. Sie hätten den Tod schon vor ein paar Jahren gerne begrüßt. Das haben sie mir erzählt und ich verstehe das gut.

Auch außerhalb unserer aktuellen Situation gibt es körperlich prinzipiell gesunde Menschen, die nicht mehr leben wollen, weil ihnen ihr Leben nicht gefällt. Ich verstehe, dass man mit einer psychischen Erkrankung das Leben als Last ansieht. Corona macht es nicht leichter, weil man die wenigen Kontakte, die man womöglich noch aufrechterhalten hat, weil sie guttun, nicht treffen darf.

Es gibt viele Gründe, weshalb man nicht mehr leben will, und viele Gründe, weshalb es sich doch zu leben lohnt. Ich will nicht sagen, dass Letztere ausreichen, um jedem, der unter der Last seines Lebens ächzt, neuen Mut zu machen. Das wäre vermessen. Ich wünschte nur, dass jeder den Lebensmut spüren könnte, den ich in mir tragen darf. Ich denke, dann würde die Welt für viele Menschen besser aussehen.

Aber in diesem Zusammenhang empfinde ich den Spruch als eine Erleichterung. Es wäre schön, wenn diejenigen, die leben wollen, nicht verfrüht aus dem Tod gerissen werden würden. Niemand sollte unsterblich sein, aber ein langes und erfülltes Leben sollte für jeden möglich sein. Diejenigen, die genug haben, weil ihr Leben wie bei meinen Nachbarn lang und erfüllend war, sollten ihre Pause bekommen dürfen. Denjenigen, die nicht mehr die Kraft haben, um das Leben zu stemmen, will ich keinen gnädigen Tod wünschen, auch wenn es für sie einer Erlösung gleichkäme. Ihnen wünsche ich, dass sie ihren Lebenswillen finden, um eines Tages alt und glücklich sterben zu dürfen.

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