Mittwoch, Dezember 01, 2021
Bücher

Leserückblick: Die Töchter von Ilian

Seit Anfang Mai gab es keinen Leserückblick mehr. Das lag nicht daran, dass ich nicht gelesen hätte. Ich brauchte schlichtweg vier Monate, um dieses Buch zu lesen. Zu den Gründen komme ich noch.

Letztes Jahr auf der Buchmesse – und das fühlt sich noch länger an, als es tatsächlich her ist – konnte ich Jenny-Mai Nuyens Lesung aus ihrem Roman Die Töchter von Ilian (ISBN: 978-3-596-29997-3, FISCHER Tor Verlag) besuchen. Mir gefiel, was ich hörte, sodass ich mir das Buch zum Geburtstag – fast ein Jahr später – schenken ließ. Darin geht es um eine Weissagung, laut der die verlorengegangenen, magischen Artefakte – die vier Iliaden – eines Tages wieder bei den Waldelfen vereint werden sollen, sodass das Reich Ilian wieder aufersteht. Der Waldelf Fayanu ist dazu ausersehen und Walgreta, eine Zwergin, soll ihm dabei helfen.

Von der Autorin habe ich schon zwei Romane gelesen. Die Geschichten von ihr sind fantasievoll und vom Handwerk her tadellos. Ich sehe Bilder, ich erkenne das Show darin, es lässt sich flüssig lesen. Die Kapitel sind sehr kurz gehalten, teilweise nur zwei Seiten lang, und werden von Absätzen unterteilt, wenn sie doch mal länger werden. Ideal, um schnell fünf Minuten zwischen zwei Aufgaben zu lesen, und sicher auch förderlich, um weiterzulesen, „weil man die zwei Seiten auch ruhig noch lesen kann, ach, und die drei auch, ja, und die vier gehen auch noch …“

Ich mochte die Figuren, obwohl es so viele sind, dass ich anfangs ernsthafte Probleme hatte, sie auseinanderzuhalten. Dabei hatte ich mehr Probleme, die Männer auseinander zu halten als die Frauen. Ein Blick ins Figurenregister sagt mir aber, dass es eine gute Mischung ist – 16 Frauen und 19 Männer, wenn ich mich nicht verzählt habe. Liegt vielleicht daran, dass es mehr männliche Perspektivträger gibt als weibliche, wobei es trotzdem ungefähr 50:50 aufgeteilt ist.

Das Buch ist etwas Besonderes, weil die Zwergin Walgreta von ihrem Verhalten her bisexuell zu sein scheint, während Fayanu eine Frau ist, die sich als Mann kleidet und auch so benimmt. Von Fayanu wird im Roman auch konsequent als er gesprochen. Außerdem ist er lesbisch. (Nagelt mich da nicht so fest, weil ich wenig Erfahrung mit dem Regenbogen und den korrekten Bezeichnungen habe. Ich bemühe mich zwar, mich weiterzubilden, aber das braucht gleich zwei Mal Zeit – zum Lesen und zum Merken.) Mir hat es richtig gut gefallen, dass diese zwei Hauptfiguren anders sind als das, was für mich normal ist. Die Autorin hat es echt klasse hinbekommen, dass diese Andersartigkeit total natürlich rüberkam. Da war kein Scheinwerferlicht auf die Beiden gerichtet, keine Leuchtreklame mit blinkenden Pfeilen auf sie, dass sie anders sind. Nö, sie verliebten sich ineinander und ich durfte sie dabei begleiten. Absolut unaufgeregt. Vermutlich, weil die Autorin keine Worte wie bisexuell, lesbisch etc. nutzte. Kein Vergleich zur Steinblüte, in der der gesamte Regenbogen gequetscht zu sein schien und mir deshalb nicht so zusagte.

Beim Lesen wurde mir sehr schnell klar, welche Ziele die einzelnen Figuren haben, oder ich vermutete, dass die vorgegebenen Ziele nicht unbedingt der Wahrheit entsprachen. Da gab es doch einige kleinere und größere Intrigen. Das machte es spannend und viele Handlungen, über die ich sonst den Kopf geschüttelt hätte, nachvollziehbar.

Die vier Iliaden – der blickende Becher, die flüsternde Flöte, die Sternenscheibe und das Kupferkleid – sind mächtige Artefakte, mit denen man in die Verganenheit sehen, die Tiere beherrschen, die Zukunft erkennen und über Menschen, Zwerge und Elfen herrschen kann. Sie sind mit viel Liebe zum Detail beschrieben. Ich mochte die Vorstellung, dass ihre Zauberkraft wächst, wenn man sie in Liebe und Vertrauen an jemanden verschenkt, dass sie ihre Kräfte langsam verlieren, wenn man sie zu lange behält, und dass sie ihre Macht vollständig verlieren, sollte man sie gewaltsam an sich bringen. Letzteres lässt sich rückgängig machen, wenn sie wieder verschenkt werden, und je länger die Kette des Schenkens ist, umso mächtiger ist das Artefakt. Diese vier Gegenstände können das Fundament eines friedlichen Beisammenseins sein. Es erfordert nur Vertrauen und Liebe. Wäre toll, wenn es das in der Realität gäbe, aber wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht daran, dass wir dazu fähig wären, der Bestimmung der Iliaden zu folgen und sie zu verschenken.

Ich fand auch die Welt toll. Sowohl vorne als auch hinten findet man die Karte der Welt. Die ist schön gestaltet und ich habe sie als Inspiration für einen meiner Romane für später abgeknipst. Die Landschaft wird von den Legenden der Völker gestaltet. So stammen die Zwerge von den Riesen ab, die in einem Krieg starben. Aber die letzte Riesin gebar vorher noch das Zwergenvolk und die Zwerge haben ihren versteinerten Leib zu ihrer Heimat gemacht. Tunnel durchziehen das Gebirge, das aus dem Körper der Riesin entstanden sein soll. Es gibt den sogenannten Wirbelweg, der wie eine Wirbelsäule aussieht und sich quer durch das Land zieht. Die abgeschirmte Welt der Waldelfen ist ein wahrgewordener Traum. Versteinerte Bäume, deren Wurzelwerk bläulich leuchten und in denen die Elfen wohnen. Unterjochte Lindwürmer, die das Wasser Ilians vom Rest der Welt trennen. Auf denen man fliegen kann und aus deren abgestreifter Haut die Waldelfen ihre Kleidung herstellen. Fantastisch.

Ich fing Anfang Mai damit an, den Roman zu lesen. Ich hatte wenig Zeit und aus einem mir unerfindlichen Grund wurde ich mit der Geschichte auch nicht richtig warm, sodass ich gleich doppelt Probleme hatte, voranzukommen. Als ich als junge Erwachsene die anderen beiden Romane der Autorin las, dachte ich, ich sei vielleicht noch nicht reif genug für ihre Geschichten, aber mit mittlerweile 35 Jahren glaube ich nicht mehr daran. Es ist unheimlich schade, aber ihre Bücher locken mich nicht so sehr, wie es die anderer Autoren tun. Da liegen wir wohl einfach nicht auf einer Wellenlänge, obwohl ich ihre Ideen toll finde, wie man am Loblied weiter oben erkennen kann. Es fehlt der letzte Funke. Es tut mir in der Seele weh, aber ich werde zukünftig keine ihrer Bücher mehr kaufen. Aber dir möchte ich raten, für dich zu prüfen, ob der Roman nicht einen Versuch wert wäre. Gerade weil er so viele tolle Aspekte hat, würde ich mich unheimlich freuen, wenn er noch einige Leser findet, die ihn lieben.

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